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Wenn ich die Wahl habe, bei einer Großkette billiger einzukaufen als beim Laden um die Ecke, was ich mir auch leisten könnte – bin ich dazu verpflichtet, den Einzelhandel zu unterstützen?
12.02.2007
Seit Jahrzehnten wird hierzulande das Schwinden der „Tante-Emma-Läden“ beklagt. Sicherlich nicht zu unrecht. Denn solche Geschäfte, die früher als Dorfladen die lokale Versorgungsstelle mit alltäglichen Waren darstellten bzw. in der Großstadt in fast jedem Straßenzug zu finden waren, bildeten häufig genug einen Dreh- und Angelpunkt des sozialen Miteinanders. Hier wurde nicht nur eingekauft, hier konnten sich die Menschen begegnen, ins Gespräch kommen und kleinere oder größere Neuigkeiten austauschen. Man kannte den Ladenbesitzer, seine Nachbarn und konnte Anteil an ihren Freuden und Sorgen, an ihrem Leben nehmen.
Ob es vor Jahrzehnten wirklich so oder so ähnlich zuging, kann ich als 27-Jähriger kaum eigenständig beurteilen, denn selbst erlebt habe ich es nur noch selten. Ältere Verwandte und Bekannte erzählen davon, man sieht es auch in Fernsehdokumentationen. Mir ist vor allem noch die TV-Werbung für Schokoladenbonbons aus den späten 80er Jahren lebendig vor Augen, in der ein kleiner Junge im Laden um die Ecke stets eine Tüte dieser Süßigkeiten kauft und den ersten Bonbon noch an der Theke isst. Dieses Ritual wird er auch noch als Erwachsener beibehalten – natürlich im selben Geschäft und bei derselben Verkäuferin. Zumindest der Reklamespot vermittelt Kontinuität sowie Treue zum Produkt und zu dessen Verkäufer.
Das ist heute alles anders, schnelllebiger und letztlich anonymer geworden. Die Zahl solcher „Tante-Emma-Läden“ hat vor allem im Lebensmitteleinzelhandel rapide abgenommen, weil große Filialketten nun den Ton angeben. Viele Händler haben sich in spezielle Nischen zurückgezogen, weil sie teilweise im Wettbewerb mit den Dumpingpreisen der übermächtigen Konkurrenz nicht mehr mithalten können. Einkaufen ist – jedenfalls für viele – mittlerweile eine rein funktionale Tätigkeit, die schnell und unkompliziert erledigt werden soll. Persönliche Beziehungen zum Ladenbesitzer gibt es kaum noch, es wird meist nach Gelegenheit eingekauft: Wo sind die Waren preiswert oder gerade im Angebot? Welche Einkaufsmöglichkeit liegt bequem auf meinem Heimweg? Stammkundschaft kann auf diese Weise nur äußerst schwer entstehen, der Verbraucher ist ein wankelmütiges und sprunghaftes Wesen geworden. Diese Entwicklung mag man bedauern, aber sie ist eine Tatsache und leider auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.
Zwar gibt es glücklicherweise trotzdem Fachgeschäfte, die sich der anscheinend unaufhaltsamen Entwicklung entgegenstemmen und die ich wegen ihres zuvorkommenden Services, ihrer kompetenten Beratung oder ihres breiten Sortiments besonders schätze. Aber natürlich ertappe ich mich selbst dabei, dass ich häufig aus Zeitnot irgendwo einkaufe und nicht abwarte, bis ich wieder an meinem persönlichen Lieblingsgeschäft vorbeikomme.
Ob es nun eine Verpflichtung gibt, den Laden um die Ecke zu unterstützen? Im Grunde schon – zumindest für denjenigen, der verhindern will, dass künftig nur noch Filialketten existieren. Und wem es wichtig ist, dass deutsche Firmen gut dastehen, sollte verstärkt auf einheimische Erzeugnisse zurückgreifen. Sonst regelt dies der freie Markt. Doch obwohl sich möglicherweise manche Strukturen im Einzelhandel schlichtweg überlebt haben, will ich nicht völlig schwarzsehen. Schließlich wird es immer Geschäfte geben, die trotz höherer Preise ihre Kundschaft finden, weil die Qualität der angebotenen Produkte besser ist als anderswo. Oder weil beispielsweise die Metzgerei oder die Bäckerei im Familienbesitz Spezialitäten mit unverwechselbarem Geschmack verkauft, die es im Supermarkt mit der Massenware nicht gibt.
Es bleibt also letztlich jedem selbst überlassen, wie und wo er einkauft. Aber die Entscheidung darüber sollte uns in Zukunft wieder mehr wert sein.
Aus:
Peter Frey, 77 Wertsachen Was gilt heute?, Verlag Herder, ISBN 978-3-451-29564-5.
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