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Interview mit Prof. Dr. Otto Wulff

09.08.2005



Prof. Dr. Otto Wulff ist seit April 2002
Vorsitzender der Senioren Union, die
sich bundesweit mit ihren rund
75.000 Mitgliedern für das Miteinander
der Generationen einsetzt.

„Mißfelder stärkt den Dialog der Generationen“

Wie lange kennen Sie Philipp Mißfelder und was schätzen Sie an ihm?

Prof. Dr. Otto Wulff: Aus der Ruhrgebiets-CDU kenne ich Philipp Mißfelder seit mindestens zehn Jahren, und weiß daher, dass er ein ausgesprochenes politisches Naturtalent ist. Ich weiß auch, wie schwer man es als junger Mann in einer großen Volkspartei wie der CDU haben kann – schließlich habe ich vor mehr als 50 Jahren meine politische Laufbahn auch einmal in der Jungen Union begonnen. Das war damals nicht anders als heute. Was ich an ihm schätze: Vor allem die Bereitschaft, täglich hinzuzulernen und sich nicht in Klischees zwängen zu lassen. Er hält ein einmal gegebenes Wort. Und er weiß, dass er neben der Politik ein berufliches Standbein braucht.

Was bedeutet für Sie der Generationendialog?

Der Dialog der Generationen ist die wichtigste gesellschaftspolitische Aufgabe, die die Senioren Union und die Junge Union derzeit haben. Derzeit findet dieser Dialog nur in der CDU statt. Dass dies bei uns funktioniert, ist auch ein Verdienst Mißfelders. Wir brauchen keinen Generationen-Krieg, sondern ein vernünftiges Miteinander von Großeltern und Enkeln. In den meisten Familien entstehen Konflikte übrigens eher zwischen Eltern und den heranwachsenden Kindern – die Großeltern sind da meist die Vermittler.

Inwiefern kann die jüngere Generation dabei von den Erfahrungen der Älteren lernen?

Schon als junger Mann habe ich es nicht gemocht, wenn mir Ältere gesagt haben, wie viel besser und schöner es doch vorgestern gewesen sei. Meistens war es überhaupt nicht schöner und schon gar nicht besser. Jede Generation steht vor neuen Herausforderungen, und jede Generation muss ihre eigenen Erfahrungen machen. Eines allerdings ist heute anders als in meiner Jugend: Ein Teil der Öffentlichkeit ist einem völlig unkritischen Jugendwahn verfallen, mit dem suggeriert wird, lebenswertes Leben höre spätestens mit 50 auf. Das ist auch deshalb töricht, weil ja ein nicht unwesentlicher Erfolg des Lebens darin besteht, überhaupt erst einmal 50 zu werden. Und auf die Nerven geht mir, dass in Teilen dieser jungen Generation die Zukunft nur in düstersten Farben diskutiert wird. Die heutigen Probleme sind schwerwiegend, das ist richtig – aber sie sind nichts dagegen, was meine Altersgenossen in einem total zerstörten Deutschland nach 1945 vorgefunden haben. Hätten wir damals nur immer über Wenn und Aber diskutiert, statt einfach anzupacken, wäre Deutschland heute ein Entwicklungsland. Die Jüngeren sollten deshalb von uns lernen, dass man nur mit Mut und Zutrauen die Zukunft gewinnt.

Treten Sie und Mißfelder häufig gemeinsam bei Veranstaltungen auf?

Scherzhaft gesagt: Was Gysi und Lafontaine im anderen Teil des politischen Spektrums, sind Mißfelder und Wulff im bürgerlichen Lager – das „Polit-Paar“ mit den meisten Anfragen für gemeinsame Auftritte. Unsere gemeinsamen Auftritte haben sich jetzt schon in vielen Wahlkämpfen bewährt und werden auch in diesem Bundestagswahlkampf eine besondere Rolle spielen. Ich finde es prima, dass er die Junge Union für den Generationen-Dialog geöffnet hat und immer häufiger ältere CDU-Mitglieder vor den Jüngeren auftreten. Und genauso setzte ich mich dafür ein, dass Mißfelder – aber nicht nur er – immer wieder ein Forum bei der Senioren-Union bekommt.

Nach seinen Äußerungen zu den künstlichen Hüftgelenken gab es viel Kritik an Philipp Mißfelder. Wie beurteilen Sie diese Diskussion?

Ganz offen: Ich habe mich über diesen rhetorischen Missgriff ziemlich aufgeregt. Und wie ich finde, zu Recht! Man kann die Diskussion über die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme nicht am Beispiel künstlicher Hüftgelenke führen. Mißfelder hat da einen Fehler gemacht, und es zeichnet ihn aus, dass er sich für diesen Fehler bei den Betroffenen entschuldigt hat. Denn was können 70-Jährige dafür, dass sich junge Leute seit mehreren Generationen – etwa seit Mitte der 60er Jahre – weigern, in ausreichender Zahl Kinder zu kriegen? Und sie sind auch nicht schuld an über fünf Millionen Arbeitslosen. Hier liegt der Knackpunkt: So lange es keine Politik für mehr Wachstum, für mehr Beschäftigung gibt, treiben die Sicherungssysteme weiter dem Abgrund zu.

Wie steht es hierzulande insgesamt um das Verhältnis zwischen den Generationen?

Im Gegensatz zu manchen Schlagzeilen ist das Verhältnis in der breiten Masse der Bevölkerung außerordentlich gut: Mehr als 35 Prozent der über 60-Jährigen unterstützen ihre Kinder und Enkel auch finanziell. Einen „Kampf der Generationen“ wird es in Deutschland so schnell nicht geben. Das sah zu Zeiten der APO Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts noch ganz anders aus. Da entstand doch der Spruch: Trau keinem über 30! Das ist mittlerweile Hollywood von gestern.

Zum Abschluss: Warum braucht Deutschland aus Ihrer Sicht am 18. September den Wechsel?

Ebenso wichtig wie der Politikwechsel ist der Mentalitätswechsel. Auch hier geht es darum, das Erbe, die Geisteshaltung der APO, der Alt-68er Linken, abzuschütteln. Wenn Angela Merkel Kanzlerin wird, dann wird nicht als erstes darüber diskutiert, warum und aus welchen Gründen etwas nicht möglich ist. Dann wird endlich wieder darüber nachgedacht: Wie machen wir etwas möglich? Und der Vorteil bei einer Naturwissenschaftlerin: Wenn es möglich und zulässig ist, dann wird es auch in die Tat umgesetzt.

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