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Reden im Deutschen Bundestag

Reden im Deutschen Bundestag

26. Rede im Deutschen Bundestag

28.01.2010

27.01.2010
Philipp Mißfelder

Konkretes Abzugsdatum würde Taliban noch mehr in Sicherheit wiegen

Regierungserklärung zu Afghanistan

2.) Abgabe einer Regierungserklärung durch die Bundeskanzlerin
zur internationalen Afghanistan-Konferenz am 28.Januar 2010 in London

Frau Präsidentin!
Meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen!

Zunächst einmal möchte ich ein paar ein­leitende Worte zu dem Verfahren sagen, mit dem dieses Konzept dem Parlament und der Öffentlichkeit vorge­stellt worden ist; ich glaube nämlich, dass es bemerkens­wert ist. Oft klagen Parlamentarier, dass sie sich zu wenig eingebunden fühlen. Frau Bundeskanzlerin, Herr Bundesaußenminister, Herr Verteidigungsminister, man schaue sich die vergangenen Tage und Wochen an. Ich fand es gut, dass über dieses Konzept nicht öffentlich, in großen Talkshows oder Interviews, Auskunft gegeben worden ist, sondern genau an den Orten, an die der Fach­diskurs gehört, etwa in das Vorfeld der parlamentari­schen Beratungen, zum Beispiel auf die Tagung der re­nommierten Körber-Stiftung vergangene Woche, Herr Bundesaußenminister. Richtig war auch, die Obleute, die Fraktionsvorsitzenden und die Ausschüsse zeitnah und nicht öffentlich zu informieren, sodass zuerst an diesen Orten darüber diskutiert wurde, wie wir mit Afghanistan weiter verfahren. Man muss wirklich sagen: An dieser Stelle ist das Parlament so eng wie selten eingebunden worden. Vor diesem Hintergrund danke ich der Regie­rung für diesen klaren und vernünftigen Kurs.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Widerspruch bei der LINKEN)

Im Übrigen möchte ich auf Folgendes verweisen: Vorschläge, die von allen Fraktionen, insbesondere von unseren Kollegen der SPD, von Herrn Erler und Herrn Mützenich, frühzeitig in den vergangenen Debatten hier geäußert worden sind, sind aufgenommen worden, zum Beispiel, dass wir vor der Afghanistan-Konferenz im Parlament über die Frage der Zukunft Afghanistans dis­kutieren. Allein das ist richtig. Wir werden in zwei Wo­chen, wenn die Afghanistan-Konferenz vorbei ist, im Parlament über die Ergebnisse dieser Konferenz in Lon­don diskutieren. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass die Vorschläge der Opposition und des Parlaments insge­samt sehr ernst genommen werden.

(Swen Schulz [Spandau] [SPD]: Das ist eine Selbstverständlichkeit!)

Dieser Hinweis ist erlaubt: Wir wünschen uns, dass die Regierung mit dem Parlament auch bei anderen Themen so umgeht. Dieses Musterbeispiel sollte zu einer Selbst­verständlichkeit für den Umgang zwischen Parlament und Regierung werden.

Es ist vorhin die Frage gestellt worden, warum wir in Afghanistan sind. Ich habe, Herr Kollege Gysi, aller­dings nicht ganz verstanden, warum Sie uns hierfür öko­nomische Motive unterstellen wollen. Ich habe es wirk­lich nicht verstanden.

(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Das glaube ich gerne, dass Sie das nicht verstanden haben!)

Es ist aber festzuhalten, dass die Bundeskanzlerin und auch wir bei jeder sich bietenden Gelegenheit immer deutlich gemacht haben, warum wir da sind. Es ist kein Selbstzweck, in Afghanistan zu sein, sondern es liegt in unserem ureigensten Interesse, unsere Interessen, die Interessen Deutschlands und die Interessen der Men­schen in Deutschland, auch in Afghanistan zu verteidi­gen. Wir machen es uns nicht einfach und kommen nicht mit starken Sprüchen daher.

An die Adresse der SPD gerichtet möchte ich dage­gen sagen: Die von Ihnen für Ihre Afghanistan-Strategie in den letzten Jahren gelieferten Begründungen beruhten immer auf sehr starken Worten. Zunächst einmal spra­chen Sie von der „uneingeschränkten Solidarität“, was auch immer das bedeuten sollte,

(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dem haben Sie doch zugestimmt!)

und brachten es dann auf die einfache Formel: Deutsch­land werde am Hindukusch verteidigt. Davon wollen Sie heute offenbar nichts mehr hören. Vor diesem Hinter­grund haben wir ganz bewusst einen anderen Weg ge­wählt und gemeinsam mit der Regierung ein geschlosse­nes Konzept entwickelt und eine große Konzeption auf den Weg gebracht, mit der wir einerseits deutlich ma­chen, dass unsere Interessen gewahrt werden sollen, aber andererseits auch die Zukunft Afghanistans in den Mit­telpunkt stellen.

Warum sind wir in Afghanistan? Wir sind da, um zu verhindern, dass Afghanistan dauerhaft zu einem der großen Umschlagplätze für den internationalen Terro­rismus wird. Alle Gesprächspartner, die wir in den ver­gangenen Tagen aus Afghanistan hier hatten, haben uns bestätigt, dass die Fäden nahezu aller relevanten interna­tionalen fundamentalistischen Terrororganisationen teil­weise in Afghanistan selbst oder in unmittelbarer Nach­barschaft in Pakistan zusammenlaufen. Allein schon, dass wir verhindern wollen, dass Afghanistan dauerhaft als Terrorbasis bzw. Umschlagplatz des Terrors etabliert wird, rechtfertigt unser Engagement.

Ich glaube aber, dass es viel wichtiger ist, dass wir den Beitrag zur Stabilisierung Afghanistans, den wir in den vergangenen Jahren schon geleistet haben, weiterhin leisten.

(Zuruf von der LINKEN)

Seit 2002 ist unser Engagement immer mit Schwierig­keiten verbunden gewesen, aber trotzdem sehr ausgewo­gen gewesen. Eine unserer Befürchtungen ist zwar, dass die Lücke zwischen militärischem und zivilem Engage­ment an manchen Stellen zu groß geworden ist, aber diese Lücke wird – das vollziehen wir mit dem vorlie­genden Konzept – jetzt geschlossen. Indem wir das zi­vile Engagement massiv erhöhen, machen wir deutlich, welche strategische Ausrichtung wir in den nächsten Jahren verfolgen wollen.

Wenn gesagt wird, in Afghanistan laufe alles schlecht, halte ich dagegen und sage: Das stimmt nicht. Wir haben heute, wie gesagt, im Auswärtigen Ausschuss des Deut­schen Bundestages die Gelegenheit gehabt, mit Präsi­dent Karzai darüber zu diskutieren. Die SPD hat auf ih­rer Fachtagung am vergangenen Freitag die Gelegenheit genutzt, mit dem früheren Außenminister und jetzigen Sicherheitsberater Spanta intensiver darüber zu diskutie­ren. Dabei wurde uns doch gerade bestätigt, dass das En­gagement erfolgreich war.

Schauen Sie sich allein einmal an, wie massiv sich das Rollenverständnis der Frauen innerhalb Afghanis­tans trotz der schwierigen gesellschaftlichen Situation verbessert hat. Das ist aus meiner Sicht beachtlich und sollte nicht unerwähnt bleiben. Vor dem Hintergrund, dass zu Zeiten der Taliban-Herrschaft keine Frau eine Universität und kein Mädchen eine Schule betreten durfte, halte ich es nach wie vor für erwähnens- und lo­benswert, festzustellen, dass die Situation heute ganz an­ders ist.

(Dr. Dagmar Enkelmann [DIE LINKE]: Dazu braucht man Militär?)

Ein großer Erfolg ist auch, dass im Auswärtigen Dienst der afghanischen Regierung der Frauenanteil heute 18 Pro­zent beträgt.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie bei Abgeordneten der SPD)

Und wenn Sie in Berlin einen Ansprechpartner der afghanischen Regierung telefonisch sprechen wollen, dann rufen Sie nicht irgendjemanden an, sondern Sie ru­fen eine Frau an, nämlich die Geschäftsträgerin. Auch das halte ich für bemerkenswert. Was, glauben Sie – Herr Kollege Klose hat das an anderer Stelle ja schon oft gesagt –, würde als Allererstes zurückgedrängt, wenn sich die internationale Staatengemeinschaft dort nicht mehr engagieren würde? Das Hauptziel der Taliban wäre doch – da bin ich mir sicher – in erster Linie, die Rolle der Frauen wieder zurückzudrängen und die Erfolge, die auf diesem Gebiet erreicht worden sind, zunichte zu ma­chen.

Wir haben die Situation – die Bundesregierung weist in ihrer Stellungnahme deutlich darauf hin –, dass 11 000 Un­terrichtsräume für 500 000 Schülerinnen und 25 000 Leh­rer unter deutscher Führung entstanden. Heute gehen rund 7 Millionen Kinder zur Schule; davon sind 35 Pro-zent Mädchen. Das ist ein großer Erfolg; auch solche Er­folge sind in Afghanistan zu verzeichnen. 600 Kilometer Straße sind gebaut worden. 250 000 Haushalte in Nord-afghanistan sind an Bewässerungsanlagen angeschlos­sen. Auch der Optimismus, den die Afghanen in ihrer Gesellschaft selber spüren, sollte erwähnt werden. Eine Umfrage von ARD, BBC und dem amerikanischen Sen­der ABC macht deutlich, dass 70 Prozent der Afghanen optimistisch in die Zukunft blicken.

(Widerspruch bei der LINKEN)

Allein deshalb sollten wir diese Debatte mit einer gro­ßen Ernsthaftigkeit führen. Denn ich bin mir sicher, dass viele Menschen in Afghanistan diese Debatte und die strategische Diskussion in Deutschland genau verfolgen. Die Hoffnung, die viele Menschen in Afghanistan in uns setzen, sollten wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Unsere Ziele sind klar umrissen: Wir wollen den Ter­ror vor Ort bekämpfen, eine Stabilisierung der Region insgesamt erreichen, einen Beitrag zur Stabilisierung Pa­kistans, einer schwierigen Atommacht, leisten, die Men­schen- und Frauenrechte dauerhaft durchsetzen, ein funktionierendes Rechtssystem etablieren und die wirt­schaftliche Prosperität unterstützen, sodass Afghanistan auf Dauer auf eigenen Beinen stehen kann.

Ich glaube, dass wir einen ausgewogenen Beitrag leis­ten. Deshalb will meine Fraktion den Vorschlägen der Regierung zustimmen. Ich halte diesen Beitrag deshalb für ausgewogen, weil er alle Ansätze – das zivile Enga­gement, das militärische Engagement, das polizeiliche Engagement – umfasst und damit eine dauerhafte Pers­pektive unseres Engagements gewährleistet.

Wir haben eine Abzugsperspektive genannt. Insofern möchte ich meinen Vorredner ein Stück weit korrigieren: Niemand von uns hat jemals gesagt, dass es in unserem Interesse liegt, ewig in Afghanistan zu bleiben. Aber Sie haben auch in früheren Zeiten gesagt, dass es absolut falsch wäre, Afghanistan kopflos zu verlassen. Ange­sichts der Chuzpe, mit der die Taliban selber über unsere Debatte urteilen, erinnere ich Sie gerne an Ihre eigenen früheren Äußerungen. In vielen Medien und in vielen Gesprächen wird der Ausspruch eines Taliban-Führers zitiert, der zu US-Diplomaten lächelnd gesagt haben soll: Ihr habt alle Uhren, wir haben alle Zeit.

Wenn Sie jetzt ein konkretes Datum für den endgülti­gen Abzug nennen, dann wiegen Sie die Taliban noch mehr in Sicherheit. Sie werden sich kurzfristig zurück­ziehen; aber die Gefahr ist sehr groß, dass sie nach kur­zem Abwarten gestärkt wieder hervorkommen und damit unser entwicklungspolitisches Engagement zu­nichtemachen werden.

Deshalb gibt es mit uns keinen kopflosen Abzug aus Afghanistan. Vielmehr wollen wir unser Engagement mit einer realistischen Abzugsperspektive verbinden. Dafür haben wir klare Konditionen genannt.

(Stefan Liebich [DIE LINKE]: Das ändert an den Problemen gar nichts!)

Meine Damen und Herren, mein Dank in dieser De­batte – das möchte ich deutlich erwähnen – gilt nicht nur unseren Soldatinnen und Soldaten und deren Angehöri­gen, sondern auch den Diplomatinnen und Diplomaten, die vor Ort für die Bundesrepublik und in unserem Inte­resse im Einsatz sind, den Entwicklungshelfern, den Po­lizisten und letztendlich auch – ich glaube, dass ein gro­ßer Teil von Ihnen diese Debatte gespannt verfolgt – den Angehörigen der Personen, die sich in Afghanistan engagieren und die zu Recht einfordern, dass wir uns ernsthaft mit der Perspektive des Abzugs und eines er­folgreichen Einsatzes, für den unsere Menschen dort vor Ort einstehen, beschäftigen.

Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Die Rede im Parlamentsfernsehen

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